„Golem“ – Deutsch-schweizerische Gemeinschaftszollanlage Rheinfelden

Die Bronzeplastik "Golem" von Thaddäus Hüppi -
ein Kunst-am-Bau-Projekt des Bundesbaus Baden-Württemberg für die deutsch-schweizerische Gemeinschaftszollanlage Rheinfelden-Autobahn

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Das Werk

Kurz bevor die Reisenden die Grenze nach Deutschland passieren, werden sie von einem eigentümlichen Geschöpf freundlich in Empfang genommen. Hoch auf einem Sockel stehend begrüßt es die Einreisenden und fordert sie, wie ein Grenzwächter, dazu auf, naher zu kommen und das Tor zu durchschreiten. Doch nicht nur mit seiner Erscheinung - ist es ein Mensch, ein Fabelwesen, eine Comicfigur oder ein Narr? - gibt dieses Wesen ein Rätsel auf. Auch das Buch in seiner linken Hand gibt keinen Hinweis auf den Inhalt: Ist es das Werk eines Exilanten wie Thomas Mann, sind es die Memoiren eines Reisenden wie Heinrich Heine? Oder ist es das "Buch der Geschichte", in dem alles geschrieben steht? Es konnten aber auch das Grundgesetz, ein Reiseführer oder die Straßenverkehrsordnung sein. Vielleicht ist die Kenntnis dieses Buches ohne Titel die Voraussetzung für das Durchschreiten des Tores? Oder ist es ein Hinweis darauf, sich mit den Erfordernissen einer Grenzüberschreitung auseinander zu setzen - und sich auf das Neue, Fremde vorzubereiten, das sich hinter dieser Grenze befinden mag?
Auch der Titel des Werkes tragt zur Offenheit bei. "Golem", eine legendäre Figur aus der jüdischen Tradition, deren Ursprung im Dunkeln liegt, ist ein Homunkulus, eine Tonfigur in menschenähnlicher Gestalt, die durch Zauber zum Leben erweckt wird. Sie besitzt besondere Kräfte und kann Befehlen folgen, aber nicht sprechen. Auch dieser "Golem" kann nicht sprechen; er "spricht" aber dennoch durch Mimik und Gestik. Allerdings: Braucht dieses Werk eine einzige, eindeutige Auslegung? Besteht nicht vielmehr die Magie dieses Wesens darin, dass es die Reisenden freundlich-humorvoll dazu auffordert, sich mit den Themen Grenzen und Grenzüberschreitung auseinander zu setzen, seien es nun nationale, geistige, kulturelle, künstlerische oder auch psychische Grenzen? Und sich auf das Thema (Ver-)Wandlung bei einer Grenzüberschreitung einzulassen und die Freiheit, die damit verbunden ist? Eine Freiheit, die von den Narren diesseits und jenseits des Rheins einmal im Jahr für ein paar Tage mit viel Hingabe ausgekostet wird?
In einem Punkt jedoch spricht der Kunstler eine eindeutige Sprache, in der Gestaltung des Sockels, die funktional und symbolträchtig zugleich ist. So dient sie nicht nur der Erhöhung der Figur, sondern verweist mit ihren Stilisierungen von Mühlrad, Turbine und Lager auf die Flusskraftwerke im Rhein, die wesentlich zur Industrialisierung und zum Wohlstand der Region beigetragen haben.

Kunst im Treppenhaus

Die Figuren- und Bilderwelt von Thaddäus Huppi setzt sich im Treppenhaus der Warenabfertigung fort. Hier sind drei kleinformatige Werke des Künstlers zu sehen, die ganz in der Huppi'schen "Tradition" der "Hausgeister" stehen: Es sind freundlich-skurrile Wesen, die mythologische, märchenhafte und christliche Motive aufgreifen und in das Älltaglich-Geschäftige des Treppenhauses eine neue, fremde "Realität" einbringen. Den Betrachter, der sich nicht mit ihnen beschäftigen mag, lassen sie gerne ratlos zurück.
So scheint ein erwartungs- und hoffnungsvoll lächelndes Gesicht direkt aus der Wand herauszuwachsen. Ein anderes liegt, umrahmt von einem "Continental"-Reifen, weiß und traumverloren in einem Bett aus grünem Schaum. Dennoch nimmt auch dieses Wesen Kontakt mit der Welt auf, denn aus seiner Stirn "wachst" ein zweites, lebhaftes Gesicht in Form einer Sprechblase, das verschmitzt und neugierig mit dem Betrachter kommuniziert. Und schließlich grüßt ein zeitgenössischer "Schutzheiliger" in einem hölzernen "Schrein" von der Wand. Dieser "Schutzheilige" der Zollanlage greift formal zwar die Figur des "Golem" auf, nimmt aber in einer Vielzahl von Andeutungen Bezug auf die Funktion und den Alltag einer Zollanlage, so dass der Betrachter auf eine phantasievolle Reise voller Assoziationen geschickt wird. Es lohnt sich also durchaus, den "Hausgeistern" im Treppenhaus seine Aufwartung zu machen.

Julia Dold M.A., Bundesbau Baden-Württemberg, Betriebsleitung